Leistenneuralgie
(inguinale Neuralgie), chronische Schmerzen im Leistenbereich

Mit dem Begriff "Leistenneuralgie" (inguinale Neuralgie) werden in der Regel Schmerzen im Leistenbereich bezeichnet, obwohl diese nur in Ausnahmefällen streng anfallsartig, also im Sinne einer echten Neuralgie auftreten. Der Begriff "Leis tenschmerzen" ist zwar zutreffender, um aber in den Web-Suchmaschinen unter "Leistenneuralgie" besser gefunden zu werden, bleiben wir bei diesem Ausdruck.

An der sensiblen (= die Empfindlichkeit, auch Schmerzempfindlichkeit betreffenden) Nervenversorgung der Leiste sind die Ner ven N. ilioinguinalis, N. iliohypogastricus und N. genitofemoralis beteiligt. 

Bei Irritationen (pseudoradikuläre Syndrome) und läsionsbedingten ,sensiblen Störungen (radikuläre Syndrome) kann eine Leistenneuralgie auch in das Ausbreitungsgebiet eines beteiligten Nervs ausstrahlen.

Bei Schädigung des N. genitofemoralis (Spermatikus-Neuralgie) kommt es auch zu einem Ausfall des Kremasterreflexes (= Reflex des Hodensacks).

N. ilioinguinalis und N. iliohypogastricus versorgen motorisch (= die Muskeltätigkeit betreffend) gemeinsam die Bauch decken muskulatur, weshalb sich eine motorische Einzelstörung neurologisch nur schwer nachweisen läßt. 

Nicht selten tritt eine Leistenneuralgie nach Neph rektomie (= operative Entfernung der Nieren) oder Herniotomie (= Leis tenbruchoperation) (Postherniotomie-Syndrom) auf, seltener sind retroperitoneale Tumoren (= Geschwulste hinter dem Bauchfell) oder paranephritische Prozesse (= Erkrankungen um die Niere n herum) ursächlich. 

Differentialdiagnostisch (= sonst noch in Frage kommende Erkrankungen) ist bei einer Leistenneuralgie ein Wurzelreizsyndrom (Th11-L2) (= Krankheitszeichen bei gestörten Nervenwurzel n aus dem Rücken mark vom 2. Lenden - bis zum 11. Brust w irbel) in Erwägung zu ziehen. 
An der Durchtrittstelle der Nerven durch die Bauch
muskeln kann auch ein Kompressionssyndrom (= Krankheitszeichen bei mechanischer Einengung) entstehen. 

Auch eine Tendopathie (= Störung im Bereich der Sehnen und Sehnenansätze) der Hüftadduktoren (= Mus keln, die das Bei n zur Mitte ziehen) kann eine Leistenneuralgie verursachen, meist kombiniert mit Schmerzen im Bereich des Schambeins. 
Affektionen
(= Störungen/Erkrankungen) des Hüftgelenk s, z.B. eine Hüftgelenksarthrose, kann ebenfalls zu einer Leistenneuralgie führen.
Stärkere Schmerzen im Rahmen einer Leistenneuralgie führen typischerweise zu einer vornübergebeugten Schonhaltung, Ruhigstellung des Oberschenkels in der Mittellinie mit Einwärtsdrehung des Fuß
es bringt ebenfalls Erleichterung.

Behandlung

Bei eher paroxysmalen (= attackenförmigen) Schmerzsensationen kann medikamentös ein Versuch mit Carbamazepin bzw. Gabapentin oder Pregabalin in Kombination mit Baclofen unternommen werden. 

Zur Schmerztherapie bei einer hartnäckigen Leistenneuralgie (chronische) werden im Rahmen der therapeutischen Lokalanästhesie wiederholte Nervenblockaden mit einem örtlichen Betäubungsmittel (Lokalanästhetika) (z.B. 10 ml Bupivacain 0,25%, auch mit Kortison) im mehr äußeren Bereich des Leistenbandes durchgeführt (Nervus genitofemoralis ca. 2-3 cm medial (= zur Körpermitte hin) der Spina iliaca anterior superior (= vorderer, oberer Darmbeinstachel) in Richtung auf den Nabel). 

Zeigt sich eine Leistenneuralgie (inguinale Neuralgie) weiterhin therapieresistent (= übliche Behandlungen bleiben erfolglos) und besteht dringende Behandlungsbedürftigkeit, vor allem wenn zusätzlich Hü fte und Unterlei b, evtl. auch  innerer Oberschen kel und Hode n (bei Frauen Schaml ippen) betroffen sind, so kommt die kontinuierliche Plexus lumbalis-Blockade (= Betäubung des Nervengeflechts im oberen Len denbereich) mit Katheter (*siehe unten) in Frage. 

Bei Vorliegen eines Kompressionssyndrome s (= Krankheitszeichen bei mechanischer Einengung) kann evtl. eine örtliche Neurolyse (= Nervenfreilegung) durchgeführt werden. Zu einer perkutanen Rhizotomie (= Blockierung der hinteren Wurzel des Rückenmarks mittels Spiegelung) wird man sich bei einer Leistenneuralgie nur selten entschließen.

Im Rahmen einer stationären Behandlung können bei einer Leistenneuralgie (chronische) Nervenblockaden und Heilgymnastik optimal aufeinander abgestimmt werden.

* Kontinuierliche Blockade des Plexus lumbalis mittels Nervus femoralis-Katheter:

Bei dieser Methode suchen wir von der Vorderseite des Oberschenkels her, handbreit unterhalb des Leistenbandes mit einer Kanüle in der Tiefe den Oberschenkelnerv (N. femoralis) auf und legen in die Nervenscheide (Gewebsumhüllung des Ner
ven) einen dünnen Kunststoffschlauch (Katheter) ein. In den nächsten 2-3 Wochen spritzen wir dann mehrmals täglich eine verdünnte örtliche Betäubungsmittel lösung ein. 
Wenn man jeweils ca. 25-35 ml injiziert und während des Einspritzens den Oberschen
kel abstaut, wird die Wirkstofflösung nach oben getrieben (innerhalb der Nervenscheide) und betäubt auch die oben aufgeführten Ner ven des Plexus lumbalis.
Das Lokalanästhetikum
(= örtliches Betäubungsmittel) wird bei dieser Behandlung so dosiert, dass die grobe Kraft erhalten bleibt (bei gleichzeitiger Hemmung der Schmerzreizleitung), damit begleitend krankengymnastische Übungsbehandlungen möglich bleiben. Dass die schmerzlindernde Wirkung i.d.R. über die eigentliche Behandlungszeit hinaus anhält, ist u.a. darauf zurückzuführen, daß bei dieser Blockadebehandlung auch die sog. vegetativen Ner ven betroffen sind, woraus eine sehr deutliche Durchblutungssteigerung resultiert. Dies ist der Grund, warum diese Behandlungsmethode besonders bei Schmerzen, die auf eine verminderte Blutversorgung, auf entzündliche oder auch degenerative Prozesse zurückzuführen sind, hilfreich ist. Von der besseren Durchblutung profitiert auch ein gestörter Nervenzellstoffwechsel.

Besteht ein chronisches Schmerzsyndrom längerfristig, so ist davon auszugehen, daß bereits ein Chronifizierungsgrad II oder III (Mainzer Stadieneinteilung) vorliegt. In diesen Fällen ist i.d.R. eine rein somatische (= körperliche) Schmerzbehandlung nicht mehr ausreichend, sondern es muss auch eine psychologische Schmerzbehandlung bzw. spezielle Schmerzpsychotherapie erfolgen, was aber ambulant kaum möglich ist, weil es nur ganz wenige niedergelassene Psychologen gibt, die eine solche Weiterbildung absolviert haben.

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