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Schmerztherapie bei Phantomschmerzen
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Bei Phan tomschmerzen werden Schmerzen in einen nicht mehr vorhandenen Körperteil, also außerhalb des Körpers projiziert bzw. dort empfunden. Theoretisch können Phan tomschmerzen nach jeder chirurgischen oder traumatischen (= unfallbedingten) Entfernung eines Körperteils auftreten, so z.B. B rust, Zu nge, Nase, Pen is, H oden oder Klitoris, praktisch sind aber nur die Ex tremitäten (= Ar me und Bei ne) betroffen.
Das Risiko, daß es zu Phan tomschmerzen kommt, ist ungleich größer, wenn bereits vor der Amputat ion im abgetrennten Bereich starke Schmerzen, chronische Entzündungen oder Gefäßerkrankungen bestanden.
Die Zahlenangaben, in wie viel Fällen es nach einer chirurgischen oder traumatischen (= unfallbedingten) Entfernung eines Körperteils zu Phan tomschmerzen kommt, sind allerdings alles andere als einheitlich, sie reichen von 5% bis 100% (Cronholm 1972, Feinstein et al. 1954, Thoden 1987).
Zwischenzeitlich ist bekannt, daß Phan tomschmerzen vorgebeugt werden kann, in dem bei der entsprechenden Operation zur Schmerzausschaltung eine Regionalanästhesie (= Betäubung von Nervenleitungen) durchgeführt wird.
Ätiologie (= Krankheitsursache) und Pathogenese (= Krankheitsentwicklung) der Phan tomschmerzen liegen noch im Dunkeln, an theoretischen Denkmodellen mangelt es jedoch nicht. Diskutiert werden örtliche (Kossmann et al. 1986), zentrale (= im Rückenmark / Gehirn verursachte) (Lückung et al. 1988, Nordenboos 1959), ein Zusammenspiel örtlicher und zentraler (Krainick et Thoden 1976) sowie psychische Faktoren (Mitscherlich 1947).
Bei Phan tomschmerzen liegt ein sog. neuroat hischer Schmerz (Ner venschmerz) vor. Bei dieser Schmerzart ist das schmerzleitende System selbst gestört oder geschädigt, es handelt sich sozusagen um einen „Ner veneigenschmerz“.
Phan
tomschmerzen,
die von schmerzlosen Phantomempfindungen zu unterscheiden sind, treten meist
unmittelbar nach der Amputat ion
auf. Wir sehen jedoch immer wieder Fälle, bei
denen sich die Phan
tomschmerzen erst nach Jahren, in Ausnahmefällen sogar erst nach
Jahrzehnten, einstellt.
Die Angaben zu Schmerzperiodizität und Schmerzqualität
lassen kein einheitliches Muster erkennen. Bei der Abfrage der Schmerzqualität
dominieren Begriffe wie "brennend", "schneidend" und
"wie eingeklemmt". Überwiegend wird ein attackenförmiger Schmerzverlauf der
angegeben, wobei die Attacken minuten- bis tagelang dauern können. Bei fast
allen Patienten mit
Phan
tomschmerzen liegt eine klimatische Schmerzmodulation (=
Änderung des Schmerzzustandes) vor.
Bezüglich der Phantomempfindungen kommt es bei 30-59% der Patienten zu einem sog. Teleskopef fekt. Darunter ist eine Veränderung im Längenempfinden zu verstehen, das über die Jahre hinweg zunimmt, so daß schließlich die Han d direkt am Oberarmstumpf oder der Fu ß direkt am Oberschenkelstumpf empfunden wird.
Es sei noch darauf hingewiesen, dass das Auftreten von Phan tomschmerzen nicht den (Teil-) Verlust einer Ex tremität (= Ar m oder Bei n) voraussetzt. Diese können auch bei einer Denervierung (= Unterbrechung der Nervenverbindungen) entstehen, so z.B. nach einem unfallbedingten Plex usausriß (= Ausriß des Armnervengeflechts an der Halswir belsäule) oder einer Querschnit tsverletzung, bei sonst unversehrtem Körper. Zur Unterscheidung verwendet man in diesen Fällen den Begriff „Deafferenz ierungsschmerz".
Nicht selten bestehen neben Phan tomschmerzen auch St umpfschmerzen.
Behandlung bei Phan tomschmerzen
1. Besonders anfallsartigen, einschießenden Phan tomschmerzen sollten Antikonvulsiva (z.B. Carbamazepin, Gabapentin) (= Mittel gegen das Anfallsleiden, auch beim Phan tomschmerzen wirksam) versucht werden. Hin und wieder ist auch ein Therapieversuch mit Baclofen (z.B. Lioresal®) (= Mittel zur Muskelentspannung) erfolgreich. In den letzten Jahren wurde immer wieder eine Therapie mit Calcitonin (z.B. Karil®) (= ein Hormon der Schilddrüse) propagiert (Kessel et Wörz 1987). Uns hat die Wirkung weder bei St umpf- noch Phan tomschmerzen überzeugen können. Jedoch soll die frühzeitige Gabe von Calcitonin sehr hilfreich sein (Döbler et Zenz 1994).
2. Unterstützend (selten als einzige Therapie ausreichend) haben sich auch bei Phan tomschmerzen schmerzdistanzierende Antidepressiva (= Mittel gegen Depressionen, aber auch bei Phan tomschmerzen hilfreich) sehr bewährt. Wir bevorzugen Maprotilin (z.B. Ludiomil®) und Doxepin (z.B. Aponal®).
3.
Nervenblockaden
(Leeser et Hefermann 1988, Leeser et
Brückner, Schmerztherapiezentrum Bad Mergentheim 1990) bei
Phan
tomschmerzen:
Bei Phan
tomschmerzen im Bereich der Ar me wiederholte axilläre
Plex usblockaden (=
Blockaden des Armnervengeflechts nahe der Achselhöhle), optimal mit Katheter*
(= eingepflanzter dünner Kunststoffschlauch), bei
hoher Amputat ion
ohne oder mit nur geringem Reststumpf die wiederholte hohe
interskalenäre Plex usblockade (= Blockade des
Armnervengeflechts im seitlichen Halsbereich).
Bei Phan
tomschmerzen im Bereich der Be ine zunächst diagnostische Blockaden (Nervus
femoralis, evtl. als 3-in-1-Blockade;
Nervus ischiad icus), bei positiver Wirkung dann wiederholte Blockaden mit einem
langwirkenden örtlichen
Betäubungsmittel (z.B. Bupivacain), zur Erhöhung der
Blockadefrequenz auch mit Katheter (Leeser et al. 1987), bei hoher Amputat ion
oder Exartikulation (= im Hüftgelen
k herausgetrennt) kontinuierliche
Periduralblockade (= rückenmarknahe Blockade)
mit Katheter*.
In seltenen Fällen wird man sich zu einer rückenmarknahen
Morphin-Applikation mittels einer eingepflanzten Medikamentenpumpe
("Schmerzpumpe") entschließen.
4. Wenn bei Phan tomschmerzen lumbale Grenzst rangblockaden (= Blockaden des autonomen, vegetativen Nervensystems im Bereich der Lendenwirbelsäule) wirksam sind, so es es lohnend, die kontinuierliche peridurale (= rückenmarknah) Blockade mit Katheter* durchzuführen. Bei einer Armamputat ion können Blockaden des Gan glion stel latum (= vegetative Schaltstelle im seitlichen Halsbereich) versucht werden.
5. Die Suche geeigneter Körperpunkte zur Durchführung der elektrische, transkutanen (= über die Haut verabreichte) Nervenstimulation (TENS) zur Erzielung einer optimalen Wirkung kann sehr zeitaufwendig sein, auf jeden Fall sollte bei Phan tomschmerzen auch die kontralaterale Ex tremität (= Ar m / Bei n gegenüberliegend) mit einbezogen werden. Meist ist jedoch die schmerzlindernde Wirkung nicht so ausgeprägt, als dass man auf eine Kombination mit anderen Maßnahmen verzichten könnte.
6. Bei Phan tomschmerzen sollten außer der periduralen (= rückenmarknahen) Rückenmarksstimulation mittels eingepflanzter Elektroden (DCS) operative Methoden nur bei Therapieresistenz (= nichts hilft) zum Einsatz kommen. Hier sind zu erwähnen: - Chordotomie (= Durchtrennung von Schmerzbahnen im Rückenmark) - DREZ- Läsion (Läsion der dorsal-root-entry-zone) (= elektrische „Verkochung“/Zerstörung der hinteren Schmerzeintrittszone am Rückenmark).
Die früher bei Phan tomschmerzen empfohlene Thalamotomie (= elektrische „Verkochung“ einer schmerzleitenden Umschaltstelle im Gehirn) mit einem zu hohen Risiko behaftet (Thoden 1987). Nachresektionen (= weitere operative Teilentfernung) des Stumpfes sind allenfalls vorübergehend wirksam.
Flankierende Maßnahmen bei Phan tomschmerzen:
Oftmals lässt sich auch bei
Phan
tomschmerzen durch die Vermittlung von Entspannungstechniken
eine zusätzliche Besserung erzielen, auch Biofeedback (=
Registrierung und Rückmeldung bioelektrischer Signale) soll
hilfreich sein (Thoden 1987).
Auch die Akupunktur
kann bei Phan
tomschmerzen
zu einer Linderung führen, aber als alleinige
Therapiemaßnahme i.d.R. nicht ausreichend.
Zum Abbau von psychosozialen Spannungsfeldern sollten psychologische
Interventionen versucht werden.
Nach unserer Beobachtung sind
Patienten mit St umpf- und / oder
Phan
tomschmerzen
im Hinblick auf Schmerzmit telmißbrauch
oder gar -abhängigkeit (gilt z.T. auch für Beruhigungsmittel)
besonders gefährdet. In diesen Fällen leiten wir
unverzüglich eine stationäre Ent zugsbehandlung ein.
Bei längerfristig
bestehenden Phan
tomschmerzen
ist davon auszugehen, dass bereits ein Chronifizierungsgrad
II, meist sogar III (Mainzer Stadieneinteilung) vorliegt. In diesen Fällen ist
eine rein somatische (= körperliche) Behandlung
kaum mehr ausreichend, sondern es müssen zusätzlich psychologisch
/psychotherapeutische Interventionen erfolgen.
Erläuterungen:
* Bei der sog. kontinuierlichen
Blockade mit Katheter wird der dünne Kunststoffschlauch dicht an
Nervengeflechte bzw. den betroffenen Ner ven eingepflanzt. Die Einpflanzung
erfolgt durch eine handelsübliche Kanüle hindurch, es muss also nicht
„aufgeschnitten“ werden. In der Folge wird über diesen Katheter mehrmals täglich,
jeweils nach Abklingen der vorangegangenen Dosis, das örtliche
Betäubungsmittel völlig schmerzlos nachgespritzt. In bestimmten Fällen
kann zur Verabreichung des örtlichen Betäubungsmittel durch den Katheter
hindurch auch eine kleine Pumpe angeschlossen werden.
Nach neueren Erkenntnissen kann diese intensive Blockadetherapie das sog.
Schmerzgedächtnis löschen, auch bei
Phan
tomschmerzen.
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